undefined Function "box_swo_paywall_counter".

Zurück zu den Wurzeln

Nach einem Wasserschaden werden Gussenstadter Kindergartenkinder ins Ursulastift umquartiert. Eine Reise zurück zu den Wurzeln.

VON THOMAS HEHN |

Wir lieben es. Es ist richtig gemütlich hier!“  Kindergartenleiterin Katja Schwertz schwärmt von ihrer neuen Bleibe. Vor einigen Wochen sah das noch ganz anders aus: Ein Wasserrohrbruch im Kindergarten bei der Schule hatte fatale Folgen. Da sich das Wasser in den Wänden „langsam und leise triefend“ ausbreitete,  wie Ortsbaumeister Bernd Müller jetzt dem Ortschaftsrat  berichtete, blieb das Malheur zunächst  verborgen. Als man es schließlich entdeckte, war der Schaden schon  zu groß: Gesundheitsgefährdender Schimmel in den Wänden aus Gipskarton ließ keine weitere Betreuung im Gebäude zu. Erzieherinnen und Kinder mussten umgehend raus. Doch wohin?

In einer Krisensitzung kamen die Verantwortlichen auf das Ursulastift. Da die Kirchengemeinde bereits einige Jahre zuvor einen Teil des 106 Jahre alten Gebäudes für eine Krabbelgruppe und die Jugendarbeit hatte herrichten lassen, bereiteten auch „die gesetzlichen Vorgaben für die Betriebserlaubnis keine Probleme“, wie Katja Schwertz versichert.

Der Umzug ging ebenso reibungslos über die Bühne. „Wir mussten nur drei Tage schließen“, freut sich Schwertz und ist immer noch überwältigt von der großen Hilfsbereitschaft. „Da kamen plötzlich Leute und haben Kisten geschleppt, die habe ich vorher noch nie gesehen.“

Als der Kindergarten dann am Montag, 9. Oktober, im Ursula-Stift wieder öffnete, tollten die Kinder bereits nach einer Viertelstunde in ihrem neuen Domizil herum als wären sie nie woanders gewesen. „Die hatten gar keine  Probleme - im Gegensatz zu uns“, beschreibt Schwertz die „Orientierungsphase“ von Kleinen und Großen. Letztere mussten aber zunächst auch noch alles aus den vielen Kisten zusammensuchen.

Inzwischen  haben sich alle eingelebt und fühlen sich richtig wohl. „Das ist das beste Provisorium, das uns passieren  konnte“, versichert die Kindergarten-Chefin, während die kleine Jule verträumt mit ihrer Puppe im Arm schmust. Der Dreijährigen in ihrer Puppenecke ist es wohl auch ziemlich egal, dass vor über 100 Jahren vielleicht genau an derselben Stelle schon mal ein kleines Mädchen seine Puppe an ihr Herz gedrückt hat.

Der Umzug des Gussenstadter Kindergartens ist auch eine Reise zurück zu seinen Wurzeln: Bereits 1912 wurde im Ursula-Stift eine Kinderschule eröffnet. Damals betreute eine Ordensschwester 50 bis 60 Kinder. Um die im Zaum zu halten, wurden zum Teil recht rabiate Methoden angewandt ( siehe aucb Infokasten) . Zeitzeugen haben jedenfalls nicht unbedingt die besten Erinnerungen ans „Schüle“. Der Gussenstadter Otto Thierer, Jahrgang 1940, besuchte die Kinderschule ab 1944. „Da gab’s nicht viel Abwechslung: Entweder wurde vorgelesen oder Lieder gesungen, beides meist aus der Bibel“, erinnert sich der  77-Jährige. Spielzeug gab es so gut wie keins: „Ein paar Bauklötzle und Puppen für die Mädchen. Das war’s.“ Mit Grausen erinnert sich Thierer an die von der Schwester jeweils verordnete „Mittagsruhe“: Während Kommunen heute sechsstellige Beträge in Aus- und Umbauten investieren, damit die Kleinen ungestört ihr Mittagsschläfchen halten können, hieß es  damals: „So, jetzt lega mr’s Köpfle.“ Auf dieses Kommando hin mussten alle Kinder ihren Kopf aufs Kinderschulbänkle legen und durften eine halbe Stunde lang keinen Mucks mehr von sich geben. Wer es dennoch tat, „bekam von der Schwester eins mit der Bibel übergezogen,“ erzählt Thierer.

Damit war das Strafregister noch lange nicht ausgeschöpft: „Wer richtig was angestellt hatte, kam ins schwarze Loch.“ Thierer hat das am eigenen Leib erlebt. Die Stunde im dunklen Verschlag unter der Kellertreppe hat er bis heute nicht vergessen. Mit dem Abstand von über 70 Jahren kommt dann doch noch etwas Altersmilde auf: „Wenn jemand 60 Kinder allein im Zaum halten muss, kann einem schon mal der Gaul durchgehen.“

Gehorsam und Unterordnung statt Freiheit

Zum Start der Kinderschule im Ursulastift am 2. Mai 1912 sind in der Ortschronik Glückwünsche für Ordensschwester Paula Nord vermerkt, die einiges über die Ziele der Pädagogik im Kaiserreich verraten: „Wir wünschen unserer Schwester herzlich Glück zu der ebenso schwierigen als dankbaren Aufgabe, alle diese Kinder so zu beschäftigen und zu fesseln, daß sie über ihrer Schule Freiheit und Gasse vergessen und spielend die ersten grundlegenden Tugenden des Gehorsams und der Unterordnung des eigenen Willens lernen.“

Noch kein Kommentar

Schreiben Sie Ihren eigenen Kommentar

noch 3000 Zeichen
Mit Ihrem Kommentar akzeptieren Sie unsere Netiquette

Für registrierte Nutzer

Melden Sie sich an und schicken Sie Ihren Kommentar ab:

Für noch nicht registrierte Nutzer

Registrieren Sie sich kostenlos, um Ihren Kommentar abzuschicken:

Ich bin damit einverstanden, dass die Neue Pressegesellschaft mbH & Co. KG und ihre Tochterunternehmen mich schriftlich (per E-Mail oder Brief) oder telefonisch über ihre Medienangebote und kostenlose Veranstaltungen informieren dürfen. Meine Daten dürfen zu diesem Zweck gemäß den Bestimmungen des BDSG gespeichert, verarbeitet und genutzt werden. Die Einwilligung kann ich jederzeit widerrufen.
Ich bin mit den Datenschutzbestimmungen einverstanden *

Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:

undefined Function "box_swo_tabellen_get_tabledata_by_leokuerzel".
Zum Schluss

Warum man mit Energiesparlampen ...

Die modernen Glühlampen sind gut für die Umwelt, weil sie Energie sparen, aber schwierig zum Entsorgen.

Energiesparlampen schonen das Klima, weil sie viel weniger Strom verbrauchen als die alten Glühbirnen. Doch wenn sie zerbrechen, ist Vorsicht angesagt – vor allem, wenn sie Quecksilber enthalten. mehr

Studie: Meiste Reiche leben in ...

Weltweit gibt es immer mehr Millionäre. Auch in Deutschland steigt die Zahl der Reichen. Das geht aus einer Studie des Beratungsunternehmens Capgemini hervor. mehr

Mückenplage droht – ...

Wo kommt sie vor? Asiatische Tigermücke (Aedes albopictus).

Deutschland droht eine Stechmückenplage. Der Grund: das feuchtwarme Wetter. Experten bitten darum, Mücken zu fangen und einzusenden. mehr