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Die Gitarre ist Vergangenheit

Bob Dylan startet seine Deutschland-Tournee in Neu-Ulm und dreht seine eigenen Hits durch den Fleischwolf.

HELMUT PUSCH |

Like A  Rolling Stone“, „Knocking On Heaven’s Door“, „Mr. Tambourine Man“, „All Along The Watchtower“, „It’s All Over Now, Baby Blue“. All diese Hits bei einem Bob-Dylan-Konzert anno 2018? Ja, aber draußen vor der Tür, wo Frankie Dlowhan, ein junger Mann mit Hut, Gitarre und Mundharmonika im Halter, den Fans, die aus der Halle strömen, all das gibt, was ihnen der Meister in den 100 Minuten zuvor in der Halle weitgehend verweigert hat: das Schwelgen in den Erinnerungen. Denn für die meisten der 3700 Zuhörer, die jetzt die ausverkaufte Neu-Ulmer Ratiopharm-Arena verlassen, sind die Songs von Bob Dylan auch der Soundtrack des eigenen Lebens, sei es in der Originalversion oder als Covers von Jimi Hendrix über Van Morrison  bis Guns ’n’ Roses.

Vor der Halle werden auch Plakate mit dem Konterfei des jugendlichen Bob Dylan verkauft, drinnen hatten Ordner darüber gewacht, dass keiner mit seinem Smartphone ein Foto des 76-Jährigen macht, Pressefotografen haben ohnehin nie Zutritt zu den Massen-Audienzen des Stars.

Tasten statt Saiten

Dylan 2018, das ist ein Mann ohne Gitarre, ohne Mundharmonika. Das Kapitel sechs Saiten hat sich  wegen einer Arthrose im Handgelenk erledigt. Das ist zumindest allenthalben zu hören. Und mal ehrlich: Im Band-Kontext ist das fehlende Geschrammel auch kein großer Verlust. Auf der aktuellen Teilstrecke seiner Neverending-Tour sitzt Dylan vorzugsweise am Flügel, der allerdings sehr nach Digitalpiano klingt, und spielt im Ambiente eines Nachtclubs unter überdimensionierten Studio-Scheinwerfern  20 Songs in 100 Minuten – ohne auch nur ein einziges Wort ans Publikum zu richten. Aber das kennt man ja. Die Macht des Wortes steckt der Literatur-Nobelpreisträger  lieber in seine Verse,  er zierte sich ja auch lange, die Ehrung in Stockholm abzuholen.

Die Frage des Abends ist: Welche Songs hat Dylan für seine aktuellen Konzerte ausgesucht. Der Mann hat die Wahl, hat mehr als 500 Lieder geschrieben. Kein Wunder, dass er nicht immer die selben 20 Hits zum Besten geben will, und sein Anfangssong „Things Have Changed“ stellt das auch das gleich zu Beginn klar. Dann kommt aber sofort ein  Hit: „Don’t Think Twice“.

Nicht nur die Zeiten haben sich geändert, auch Dylans Stimme.  Das mittig verschliffene nasale Nuscheln vergangener Tage funktioniert mit diesem Reibeisen nicht mehr. Diese knarzenden, fast raschelnden Stimmbänder verlangen höchste Konzentration, sorgfältige Intonation. Da gibt sich einer Mühe, der in den vergangenen Jahrzehnten oft beim Publikum als ignorant und arrogant ankam. Doch damit hat  es sich auch schon in Sachen Fan-Service. Seine eigenen Songs verhackstückt Dylan nach Lust und Laune.

Am Klavier setzt er willkürlich Akzente, die das Arrangement nicht immer nach vorne bringen. In den besten Momenten erinnert seine Tastenarbeit an Norah Jones, aber diese Momente sind rar. Meist verdicken die Piano-Töne die Country-Rock-Sauce der Band, ohne wirklich zu würzen. Und Drummer George Receli gibt sich Mühe, auch noch jeden Anflug von Groove im Keim zu ersticken, schafft es sogar, ein Rock-Riff wie das von „Pay In Blood“ frickelnd zu torpedieren.

Die Highlights des Abends sind die Coversongs, die Dylan singt: Sinatras „Melancholy Mood“, Tony Bennetts „Once Upon A Time“ und der Jazzstandard „Autumn Leaves“. Da geht Dylan mal vom Piano weg, da steht er als Frontmann vor dem Mikrofon, da konzentriert er sich nur noch aufs Singen. Mit welcher Zerbrechlichkeit da einer einem Crooner-Giganten wie Bennett nachspürt, ist groß, mutig und gleichzeitig anrührend.

Mehr Raum ohne Geklimper

Und auch die Band klingt plötzlich anders, hat ohne Dylans Geklimper den nötigen Raum. Jetzt hört man auch, was Charlie Sexton da auf der Gitarre ziseliert, darf die Pedal-Steel Donnie Herrons die ihr zustehenden Flächen besetzen, sogar Drummer Receli  macht mal auf durchgehenden Rhythmus.

Die Cover bleiben allerdings die Ausnahme, die eigenen Songs werden uminterpretiert, und dass Dylan im Zugabenblock auch „Blowin’ In The Wind“ spielt, haben viele im Publikum sicher gar nicht gemerkt. Kein Wunder: Dylan gibt es in Neu-Ulm im Sechsachtel-Takt – mit teils neuen Harmonien. Durchaus interessant. Das Hitpotenzial dieser Version ist aber Null.

Nobelpreisträger unter sich

Einstein „Bob Dylan ist für die Popmusik ebenso wichtig wie Einstein für die Physik“, schrieb das US-Nachrichtenmagazin Newsweek über den US-Songwriter. Da trifft es sich gut, dass dieser Einstein des Pop nach mehr als 50 Jahren, 38 Studioalben und knapp 3000 Konzerten jetzt mal dort aufgetreten ist,  wo der Einstein der Physik geboren wurde. Zumindest  fast, denn Dylan gastierte zum Auftakt seiner aktuellen Deutschland-Mini-Tournee  auf der andern Seite der Donau, in der Neu-Ulmer Ratiopharm-Arena, in unmittelbarer Nähe  zu den geografischen Ulmer Wurzeln des Physik-Nobelpreisträgers Einstein.

Tournee Dylan gibt auf seiner aktuellen Tournee noch zwei Konzerte in Süddeutschland: am Sonntag, 22. April,  in Nürnberg und am Montag, 23. April, im Festspielhaus Baden-Baden.

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