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„Steppenwolf“ auf der Bühne in Stuttgart

Hermann Hesses Roman überzeugt als Drama in der Inszenierung von Philipp Becker.

OTTO PAUL BURKHARDT |

Schon mal an einer Araukarie geschnuppert? Wer je den „Steppenwolf“ gelesen hat, wird sich an die Zimmerpflanze erinnern. Für Harry Haller, den Titelhelden des Romans, ist dieses Immergrün ein Inbegriff für bürgerliche Sauberkeit. „Hochanständig“, aber auch „hochlangweilig“, weshalb sein zweites „wölfisches“ Ich diese ganze lähmende Ordnung gerne „zerschlagen“ will. Philipp Becker inszeniert am Schauspiel Stuttgart den „Steppenwolf“ und beginnt eben mit dieser Araukarie, die der Hauptdarsteller am Anfang auf die Bühne schiebt und deren Geruch ein Zuschauer testen darf. Wolfgang Michalek spielt Harry Haller, und bevor der einen Monolog über Araukarien, sich und seine Hassliebe zum bürgerlichen Leben hält, outet er sich – und heult ausgiebig wie ein Wolf. Am Samstag war Premiere.

Starkes Staatstheater-Debüt

Romane auf dem Theater gibt es auch in Stuttgart zuhauf: „Lolita“, „Zauberberg“, „Der Idiot“, „Werther“ und mehr. Bei aller angebrachten Skepsis bieten derlei Short Cuts zweierlei: eine dem Heute angepasste Crashkurs-Version für die einen und eine Wiederbegegnung mit dem eigenen früheren Lese-Ich für die anderen. Nun also vertheatert Stuttgart den „Steppenwolf“ (1927), einen Roman, der als Melange aus Psychoanalyse, Drogenerfahrung und Zeitkritik in den 60ern/70ern ein heftiges Revival erlebt hat.

Philipp Becker inszeniert, ein Regisseur, der am Theater Lindenhof groß geworden und heute in Bern, Gent und am Hamburger Thalia unterwegs ist. Soviel vorweg: Es ist ein starkes Staatstheater-Debüt. Gespielt wird die übliche Bühnenfassung von Joachim Lux. Entscheidend ist, dass Becker die teils als verschmockt und spätpubertär empfundene Hesse-Story so erzählt, dass sie ohne flache Aktualisierung noch immer direkt anspricht.

Wolfgang Michalek gibt Harry Haller unterhaltsam und quasi-improvisatorisch als multiple Persönlichkeit, der die Regie einen Chor von Doubles an die Seite stellt – und der man den Literaten ebenso abnimmt wie den Rebellen. Die Bühne (Bettina Pommer) ist dem Roman ähnlich verschachtelt: Hinter dem roten Vorhang verbirgt sich ein weiterer, dahinter noch einer, und so fort. Hermine (Viktoria Miknevich) ermutigt Haller mit dem Song „Run, boy, run“. Und Felix Mühlen kichert als Mozart über Lachsäcke und mampft lieber Banane als über Musik zu debattieren. Als Goethe gibt er vom Denkmalsockel herab Tipps: „Seid reinlich am Tage und säuisch bei Nacht.“ Kurzum: sehenswert.

Becker gelingt ein Kunststück – er pustet Staub weg, legt das Heutige frei, ohne den Roman didaktisch umzumodeln: Denn Hallers „Seelenkrankheit“ ist „nicht die Schrulle eines einzelnen, sondern die Krankheit der Zeit selbst“. Otto Paul Burkhardt

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