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Der verseuchteste Ort der Erde

Der verseuchteste Ort der Erde ist so groß wie 420 Fußballfelder: Auf dem Schrottplatz in Old Fadama, einem Viertel in Ghanas Hauptstadt Accra, suchen junge Männer nach allem, was sich von Europas Abfall noch verwerten lässt.

MARTIN HOFMANN |

Auf einem der größten Hinterhöfe der Wegwerfgesellschaft riecht es nach rostigem Metall und Altöl, wenn nicht der Wind vom zwei Kilometer entfernten Atlantik über die leichte Anhöhe bläst. Der Hügel, von dem schwarz-grauer Rauch aufsteigt, liegt am Rand des 420 Fußballfelder großen Schrottplatzes in Old Fadama, einem Viertel der ghanaischen Metropole Accra.

Ahmad steht zwischen Kokosnuss-Schalen, Glasscherben, mit Küchenabfällen gefüllten Plastiktüten. Mit einer dünnen Eisenstange schlägt er auf ein Formteil aus Dämmstoff ein. Es stammt aus einem alten Kühlschrank. Sobald sich eine handliche Platte gelöst hat, stellt er sie zu einem dicken Knäuel Elektrokabel und zündet sie an. Die Isolierhüllen verschmoren in der Flamme. Der 15-Jährige dreht das Knäuel, um allen Kunststoff abzufackeln. Nur blanke Kupferdrähte kann er verkaufen.

Ahmad ist „Verbrenner“ und froh, den Einstiegsjob auf dem riesigen Schrottplatz ergattert zu haben. Er stammt aus dem verarmten Norden Ghanas. Seine Eltern sind Kleinbauern. Die Junior High School hat er abgeschlossen. Das Schulgeld für den Besuch der Oberstufe kann seine Familie nicht aufbringen. Die Eltern wüssten, was und wo er arbeitet, versichert er. „Kopfschmerzen, Stechen in der Brust“, nur kurz schildert Ahmad, wie ihm die aufsteigenden Dämpfe zusetzen. 10 ghanaische Cedis steckt er nach einem Zehn-Stunden-Tag in die Tasche. Umgerechnet 2,20 Euro. 4 Cedis gibt er täglich für Essen und Trinken aus. Mit neun Arbeitern teilt er sich einen kleinen Raum zum Schlafen. Dafür zahlt er 25 Cedis pro Woche.

Berühmt ist die Schrotthalde mit dem unaussprechlichen Namen Agblogbloshie. „Sodom und Gomorrha“ nennen sie Einheimische. 2013 landete sie auf dem ersten Platz der am meisten verseuchten Orte auf diesem Planeten. Das Schweizer Grüne Kreuz und „Pure Earth“ (früher Blacksmith Institute) erstellt diese Rangliste.

Woher kommt der ganze Schrott?

Ghana führt jährlich mehr als 215 000 Tonnen gebrauchte Elektrogeräte ein, vor allem aus Europa. Dazu fallen im Land selbst 130 000 Tonnen E-Schrott an. Tendenz steigend. Der ghanaische Umweltaktivist Mike Anane schätzt, dass in den Übersee-Con- tainern 80 Prozent der Importware nicht funktioniert. Der Rest laufe maximal noch ein halbes Jahr. Dann lande er auf den Handkarren der Schrott-Sammler. Seit 13 Jahren verfolgt er das Geschehen.

Zurück auf dem Platz: Sumani Abdul-Karim hat die Hierarchieleiter erklommen. Er gehört zu den 4000 Schrotthändlern. Sie haben sich längst zu einer „Association“ (Vereinigung) zusammengeschlossen. Ihr entgeht nichts, was auf dem drei Quadratkilometer großen Platz passiert. Um sie gruppiert sich die Heerschar von Verbrennern, Sammlern, Transporteuren, Zerlegern und Reparateuren. Wer wie von wem abhängt, will der Vater zweier Kinder, der mit 14 als Verbrenner begonnen hat, nicht erläutern. Er lobt die Association, die jedem finanziell beisteht, der sich bei der Knochenarbeit verletzt. Er bestätigt auch, dass bis zu 80 000 Menschen von dem leben, was auf dem Schrottplatz verdient wird. Dazu zählen auch Frauen, die auf dem Areal Essen und Wasser verkaufen.

Auf dem Gelände findet sich nahezu alles, was Wohlstandsbürger  als altbacken wegwerfen. In Bretterbuden, ausrangierten Containern und unter freiem Himmel fahnden tausende Hände nach Verwertbarem, zerlegen Fahrzeuge, Haushalts- und IT-Geräte. Sofern reparabel, werden sie wieder in Gang gesetzt. Röhren-Fernseher sind begehrt und bringen etwa 70 Euro. Stahl, Eisen, Kupfer, Aluminium und Blei erzielen hingegen nur den kleinen, existenzsichernden Preis. Der Rest landet auf der angrenzenden Müllkippe der Millionen-Stadt: Plastikgehäuse, Isoliermaterial, Leiterplatten. Im Boden der Kippe versickern Säuren aus tausenden Autobatterien, Alt- und Hydrauliköle oder Kältemittel aus Kühlschränken.

Das Wasser des Flusses ist fast schwarz

Die Folgen? Das frühere Vogelparadies, das über die Korle-Lagune zum Strand reichte, ist zerstört. Das Wasser des Odor-Flusses fast schwarz. In dem einst fischreichen Gewässer ist jedes Leben ausgelöscht. Selbst die Küstenfischerei ist zusammengebrochen. Die Böden der Schrotthalde sind massiv mit Schwermetallen belastet. 2013 fanden US-Wissenschaftler Bleibelastungen zwischen unschädlichen 134 und extremen 18 125 Milligramm pro Kilo. Mediziner aus Ghana, Kanada und Deutschland haben zuletzt Blut und Urin der Arbeiter untersucht. Eine noch nicht veröffentlichte Studie findet bei allen Schrottverwertern deutlich erhöhte Konzentrationen von Blei, Cadmium und Arsen. Sie liegen bis zu 67 Prozent über zulässigen Grenzwerten für die Exposition an Arbeitsplätzen in Industrieländern. Die meist jugendlichen Verbrenner sind diesen Substanzen am stärksten ausgesetzt, so die Ärzte. Erstmals hat ein Team um den Arbeitsmediziner Professor Thomas Küpper von der rheinisch-westfälischen Technischen Hochschule Aachen Blutproben von 21 Schrottverwertern auf Dioxine und Furane getestet. Die Werte liegen viermal höher als die ihrer Landsleute in anderen Vierteln Accras. Für gravierender hält er die Schwermetall-Befunde. Die ghanaische Umweltbehörde erklärt, dass 250 000 Hauptstädter den Giftschwaden ausgesetzt sind.

Tief beeindruckt hat der Gang durch Mobilphone-Halden und aufgestapelte Kühlschrank-Kompressoren Entwicklungsminister Gerd Müller (CSU) auf seiner Westafrika-Tour im Frühjahr 2015. Zurück im Bundestag forderte er in der Debatte zum Elektroschrott-Gesetz, den illegalen Export des gefährlichen Mülls zu beenden.

Das Baseler Abkommen verbietet diese Ausfuhr längst. Deutschland hat den internationalen Vertrag vor 22 Jahren ratifiziert. Auf der Sünderbank saß die Bundesrepublik, weil sie die neue EU-Richtlinie zu Elektro-Altgeräten nicht bis 2014 umgesetzt hatte. Nachgeholt hat sie dies. Seit Juli muss jeder Exporteur nachweisen, dass die Geräte funktionieren, die er ausführen will. Sie sind auch zu verpacken.

Doch Vorschriften helfen nichts ohne Kontrolle. Andreas Habel vom Bundesverband Sekundärrohstoffe und Entsorgung hegt deshalb erhebliche Zweifel, ob die neuen Vorgaben greifen. „Heute werden nur 45 Prozent des E-Schrotts in Deutschland sachgerecht verwertet. Bis 2019 sollen es 65 Prozent sein.“ Von jährlich zwei Millionen Tonnen verschwindet mehr als die Hälfte. Die UN-Universität gibt an, dass der illegale E-Schrott-Handel pro Jahr 17 Milliarden Euro einbringt.

Wie das abläuft? „Da stehen im Übersee-Container zwei, drei Reihen gebrauchte, verpackte TV-Geräte. Der Schrott liegt dahinter“, erklärt Habel. Und der Zoll, ob in Antwerpen, Rotterdam oder Hamburg, habe nur das Personal für Stichproben-Kontrollen. Die Altgeräte holen sich in Europa Sammler vor Recyclinghöfen, über die Sperrmüll-Abfuhr oder per Inserat: „Alte Wasch- oder Spülmaschine, ausrangierte Computer? Bin ihnen gern beim Entsorgen behilflich. Anruf genügt.“ Habel appelliert an die Verbraucher: Geben Sie ihre Altgeräte an zertifizierte Händler oder auf den Recyclinghöfen der Kommunen ab. Den Ingenieur schwindelt, wie man in Accra Kabelisolierungen abfackelt. „Dämmstoff aus alten Kühlschränken wird bei uns wegen der giftigen Dämpfe zunächst entgast.“

Die Regierung in Ghana hat nach Jahren ebenfalls ein E-Schrott-Gesetz erlassen. Importeure gebrauchter Geräte müssen eine Einfuhrabgabe entrichten. Schrott kann ins Herkunftsland zurückgesandt werden. Ob die mit deutscher Unterstützung formulierten Vorgaben greifen, bleibt fraglich. Augenzeugen am Hafen Tema unweit von Accra berichten: „Da wird ein angeblich fahrtüchtiger Pkw auch mal über die Zollschranken geschoben.“

Ahmad wird die Arbeit kaum ausgehen. Es sei denn, er kehrt in sein Dorf zurück. Wann? Er zögert. Auch Abdul-Karim träumt von einer kleiner Landwirtschaft in Ghanas Norden. Seine Kinder lässt er nicht auf die Halde. „Nicht mal zu Besuch.“

Eine funktionierende Demokratie

Stabilität Die Republik Ghana gilt als eine Vorzeige-Demokratie in Afrika. Seit dem Rückzug der Militärs 1992 kam es in dem westafrikanischen Land nach Wahlen zweimal um Machtwechsel zwischen den zwei großen Parteien. Am 7. Dezember stehen Präsidentschaftswahlen an. Das Rennen zwischen Staatschef John Mahama und Herausforderer Addo Dankwa Akufo-Addo gilt als offen.

Boom Wirtschaftlich hat Ghana mit seinen 27 Millionen Einwohnern einen deutlichen Aufschwung erlebt. Gold, Öl und Kakao sind die wichtig- sten Exportgüter. Das tropische Land zählt zu den Staaten mit mittlerem Einkommen. Es entwickelt sich eine Mittelschicht. Große Teile der Bevölkerung leben aber nach wie vor auf Subsistenzniveau. 50 Prozent der Akademiker arbeiten im Ausland. fm     

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