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Die letzte Hinrichtung, der erste Amoklauf

Die Neuerscheinung „Blaulicht im Kessel“ befasst sich mit Geschichte und spektakulären Fällen der Stuttgarter Polizei.

NADJA OTTERBACH |

„Im 19. Jahrhundert verfügte der ‚Herr Wachtmeister‘ über Schlagstock, Säbel und eine Trillerpfeife, um für Ruhe und Ordnung zu sorgen. Sein Kollege im 21. Jahrhundert hat modernste Polizeiwaffen und Streifenfahrzeuge mit Digitalfunk, wurde psychologisch geschult und ist ein moderner Dienstleister für Sicherheit.“ Diese Zeilen aus dem Buch „Blaulicht im Kessel – Stuttgarter Polizeigeschichte(n)“ bringen es auf den Punkt: Die Polizei hat einen Wandel durchlaufen, der (fast) so spannend ist wie die Kriminalfälle, die sie aufklärt.

Das Werk ist vor wenigen Tagen im Südverlag erschienen und dokumentiert auf 160 Seiten die Rolle der Polizei zwischen Bürgerschutz und Strafverfolgung vom 16. Jahrhundert bis heute. Die Autoren Michael Kühner und Heidi Debschütz schreiben lebendig und fundiert. Großer Pluspunkt: Rund 200 Fotos und Abbildungen lockern den Band wohltuend auf. Das Buch soll die Ausstellung im Stuttgarter Polizeimuseum ergänzen, die seit Anfang 2015 Zeugnisse der polizeilichen Vergangenheit präsentiert. Michael Kühner hat das Museum als Vorsitzender des Polizeihistorischen Vereins Stuttgart mit aufgebaut, Heidi Debschütz als freie Autorin an der textlichen Gestaltung mitgewirkt. Vor allem Kühner gilt als passionierter Polizeihistoriker.

In ihrem gemeinsam erarbeiteten Buch erfahren die Leser, dass die Giftmörderin Christiane Ruthardt die letzte Person in Stuttgart war, die öffentlich auf der Feuerbacher Heide enthauptet wurde (1845), was Henriette Arendt als Deutschlands erste Polizistin bewegen wollte (1903) und welches Schicksal der ermordeten Operndiva Anna Sutter widerfuhr (1910). Der erste Verkehrsunfall Stuttgarts am Charlottenplatz (1912) findet ebenso Raum wie der erste Amokfall in der württembergischen Kriminalgeschichte (1913). Umfangreiche Kapitel widmen die Autoren der Rolle der Polizei im Nationalsozialismus und zur Zeit des RAF-Terrors.

Vor große Herausforderungen stellte der erste Kidnapping-Fall  die Beamten, als ein sechsjähriger Junge aus Degerloch entführt wurde (1958). In den 1980ern machte der Hammermörder Schlagzeilen, in den 90ern folgte der Telefonzellenbomber.

Das Buch endet mit den „neuen Herausforderungen auf dem Weg ins 21. Jahrhundert“, als Schleuser- und Cyberkriminalität, Rauschgift-Delikte, Wohnungseinbrüche, politischer Extremismus und Bürgerproteste immer häufiger wurden. Das letzte Kapitel ist bis heute brisant: S 21. Es greift den Schwarzen Donnerstag nochmal auf. Jenen Tag im Jahr 2010, als die Proteste im Schlossgarten eskalierten und die Polizei selbst in die Schlagzeilen geriet. Nadja Otterbach

Info Das Buch ist für 19,90 Euro im Handel erhältlich.

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